Hochwasser in Mitteleuropa, Waldbrände in der Sierra Nevada, Erdbeben in der chinesischen Provinz, Hurrikanes, Tornados, Taifune und Zyklone. Die Liste der Naturkatastrophen 2013 ist lang. Mit der Chronik der jüngsten Ereignisse könnte man ein ganzes Buch füllen. Die Medien übertrumpfen sich bei jedem neuen Ereignis mit Umschreibungen biblischen Ausmaßes. Eine Jahrhundertflut alle paar Jahre muss schon dabei sein.

Der fünfte Sachstandsbericht des IPCC wird erneut eine Debatte über den Zusammenhang von Naturkatastrophen und Klimawandel entfachen.  Das Beispiel des Hurrikans Katrina aus dem Jahr 2005 zeigt deutlich, welch enormes Schadenspotenzial Naturkatastrophen haben. Bei dem Wirbelsturm kamen beinahe 2.000 Menschen ums Leben, es entstand ein Schaden in mehrstelliger Milliardenhöhe. “Big Easy” New Orleans versank in den mehr als sieben Meter hohen Fluten – und hat sich bis heute nicht von der Katastrophe erholt.

Es braucht keinen fanatischen Prediger des menschgemachten Klimawandels, um die starke Zunahme von Naturkatastrophen zu erkennen. Ein Blick in die Zahlen von Versicherungs- und Rückversicherungsgesellschaften reicht vollkommen. Die weltgrößte Rückversicherung Munich Re, die Geld mit der Rückversicherung von Schadensfällen aus Naturkatastrophen verdient, ruft zu ambitioniertem Klimaschutz auf. Steckt dahinter die Gefahr, dass Naturkatastrophen mittlerweile derart teuer ausfallen, dass sich das Geschäft nicht mehr lohnt?

Wie genau die Branche inzwischen hinschaut, wenn es um die potenziellen Schäden aus Naturkatastrophen geht, zeigt eine neue Studie des Munich-Re-Konkurrenten Swiss Re (hier als PDF). Darin analysieren die Schweizer Experten, welche Städte in der Welt am meisten von Naturkatastrophen bedroht sind. Die Datengrundlage ist riesig und zieht sowohl Informationen aus vergangenen Ereignissen wie auch aus aktuellen Unwetter- und Katastrophenwarnungen. Sogar seismologische und meteorologische Messungen in Echtzeit sind möglich. Das Tool trägt den Namen CatNet und wurde WiWo Green zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.

Naturgefahrenatlas als geografisches Informationssystem

Das Kartenmaterial, das sich damit erstellen lässt, ist eindrucksvoll. Was zunächst wie die Oberfläche von Google Maps anmutet, entpuppt sich als ein geografisches Informationssystem der Horrorszenarien. Wer die Schaltfläche “natural hazards” (dt. Naturrisiken) anklickt, findet im Menü die gesamte Palette an Naturgewalten: Hochwasser, Sturmflut, Erdbeben und Tsunami; Hagelsturm, Tornado, Waldbrand und zu guter Letzt – einen ausgewachsenen Vulkanausbruch. Die Funktionen des Programms sind so zahlreich wie die eines Schweizer Taschenmessers.

Das Werkzeug ist jedoch mehr als eine Spielerei für apokalyptische Fantasien. Es lassen sich die Perioden der Elbüberflutung nachvollziehen, die Zentren der atlantischen und pazifischen Wirbelstürme, die Niederschlagsraten von Hagelstürmen in Süddeutschland. Kurz gesagt: alles, was es braucht, um natürliche Risiken in einem weltweiten Maßstab aufzuzeigen. Die Karte dient der Visualisierung der Gefahr durch Naturkatastrophen und ist damit einem Verkehrsschild ähnlich, das vor Straßenschäden warnt.

Die volle Wirkung entfaltet diese Visualisierung leider nur in der Anwendung. Bildschirmfotos lassen lediglich erahnen, wie die Software funktioniert. Das ist deswegen ärgerlich, weil der Zugang nur Swiss-Re-Kunden offen steht. WiWo Green zeigt ihnen trotzdem einige interessante Bilder:

Copyright: Swiss Re/CatNet Erdbebengefahr in Europa. Von grün - gering bis rot - stark

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Erdbebengefahr in Europa. Von grün – gering bis rot – stark

Die Erdbebengefahr für Deutschland ist – wie nicht anders zu erwarten – sehr gering. In europäischen Ländern wie Rumänien oder Kroatien sieht das Szenario bereits etwas bedrohlicher aus.

Copyright: Swiss Re/CatNet Hagelstürmegefahr in Süddeutschland. Von gelb - gering bis rot - hoch

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Hagelsturmgefahr in Süddeutschland. Von gelb – gering bis rot – hoch

Die Gefahr die von Hagelstürmen ausgeht, ist insbesondere in Süddeutschland nicht zu unterschätzen. Hagel richtet jedes Jahr bis zu 2 Milliarden Euro Schäden an. In der Größe von Golfbällen durchschlagen sie Glasscheiben oder beschädigen Solarmodule.

Copyright: Swiss Re/CatNet Die möglichen Überschwemmungsgebiete an Elbe und Weser

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Die möglichen Überschwemmungsgebiete an Elbe und Weser

Allein in Deutschland waren im Juni diesen Jahres 19.000 Bundeswehrsoldaten und Reservisten im Kampf gegen die Fluten im Einsatz. Die Feuerwehren entsandten 75.000 Männer und Frauen in die Katastrophengebiete. Ungezählte private Helfer kamen hinzu. Insgesamt wurde in 55 Landkreisen Katastrophenalarm ausgerufen.

Copyright: Swiss Re/CatNet Mögliche Überschwemmungsgebiete bei einer Sturmflut in der deutschen Bucht.

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Mögliche Überschwemmungsgebiete bei einer Sturmflut in der deutschen Bucht.

Das Sturmtief Tilo brachte im November 2007 die schwerste Sturmflut seit den 1990er Jahren nach Hamburg. Weite Teile der Hafencity und des Fischmarktes wurden überschwemmt. Auf Helgoland kam es zu Dünenabbrüchen. Der Pegel lag 5,42 Meter über Normalnull.

Deutschland trifft es vergleichsweise schwach

Die Karten zeigen ganze Landstriche unter Wasser. Dabei kommt der europäische Kontinent, vor allem Deutschland, noch glimpflich davon. Wer den Blick auf die Küsten von Pazifik und Antlantik legt, bekommt via Satellitenbild einen starken Eindruck von den möglichen Verwüstungen; und ist sofort an Fukushima erinnert, an die Flutwelle und das folgende Desaster der Kernschmelzen in den Reaktoren des Kernkraftwerks Daiichi.

Die am meisten bedrohten Städte der Welt zeigt diese Tabelle. Entscheidend ist die Anzahl der Bewohner, die von den Naturkatastrophen betroffenen wären:

Copyright: Swiss Re

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Die Antwort auf die Frage ob und wie der Klimawandel und die Häufung von Naturkatastrophen weltweit zusammenhängt, wird weiterhin Bestandteil intensiver Forschung sein. Der neue IPCC-Bericht enthält auch dazu neue Erkenntnisse. Dass Naturkatastrophen in regelmäßigen Abständen Menschenleben fordern und Sachschäden in Milliardenhöhe anrichten, lässt sich nicht bestreiten. Und nach Ansicht der meisten Klimaforscher auch nicht, dass die Welt viel mehr mit Naturgewalten zu kämpfen haben wird, als sie gewohnt war. Nichtstun, so zeigen es die Bilder des Swiss-Re-Tools, wird jedenfalls zu teuer.