Von Marc Oliver Bettzüge und Uwe Schneidewind. Der Ökonom Bettzüge lehrt seit 2007 an der Universität Köln und leitet dort das Energiewirtschaftliche Institut (EWI). Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und forscht zu Innovationsmanagement, Nachhaltigkeit und grüner Wirtschaft.

Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore hat im Jahr 2006 mit seinem Dokumentarfilm „An unconvenient truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) weltweit für die dramatische Bedeutung des Klimawandels sensibilisiert. Um dieser epochalen gesellschaftlichen Herausforderung ernsthaft begegnen zu können, muss man allerdings noch drei weiteren unbequemen Wahrheiten ins Auge blicken.

Jede wirtschaftliche Aktivität ist mit Auswirkungen auf die Umwelt verbunden. Energie- und Rohstoffverbrauch sind praktisch für jegliche Form der Wertschöpfung in der einen oder anderen Weise unvermeidlich. Gleichzeitig nimmt die Sorge um Umweltbelastungen immer weiter zu. Die Frage, ob Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen entkoppelt werden können, bleibt aktuell.

Vordergründig könnte zunächst Entwarnung gegeben werden – Ländern wie Deutschland ist es gelungen, Probleme wie Luft- oder Gewässerverschmutzung absolut zu reduzieren. Gleichzeitig benötigt unsere Volkswirtschaft für jeden Euro unseres Bruttoinlandsprodukts weniger Energie als noch vor einigen Jahren, so dass wir hier eine relative Entkopplung verzeichnen können. Dennoch würde eine solche Sichtweise verkennen, dass auf globaler Ebene nach wie vor gravierende Umweltprobleme bestehen und weiter wachsen.

Die erste unbequeme Wahrheit: Die ökologischen Systeme geraten an ihre Grenzen

Diese Wahrheit hat Al Gore 2006 am Beispiel des Klimawandels nochmals eindrucksvoll illustriert: Die Erde ist begrenzt. Aber bereits hier muss zwischen tatsächlichen und vermeintlichen Grenzen unterschieden werden. Es kann kaum ernsthaft bezweifelt werden, dass die Erdatmosphäre in ihrer Fähigkeit beschränkt ist, Treibhausgase ohne Wirkungen auf das Weltklima aufzunehmen. Daneben verweist der Stand der Forschung noch auf eine Reihe weiterer bedrohter Systeme. Der schwedische Ressourcen-Forscher Johan Rockström und sein Team identifizierten zehn Grenzen unseres Planeten, von denen drei – globales Klima, Stickstoffeintrag und Artensterben – schon überschritten sind oder kurz davor stehen.

Die zweite unbequeme Wahrheit: Rohstoffe werden nicht so schnell knapp wie prognostiziert

Nicht zuletzt wegen des anhaltenden Einflusses des Berichts über die Grenzen des Wachstums des Club of Rome war die öffentliche Debatte über einen langen Zeitraum vor allem geprägt von der Vorstellung, dass die Lagerstätten fossiler und mineralischer Rohstoffe in absehbarer Zeit erschöpft seien, und dass sich daraus katastrophale Einschränkungen für die Menschheit ergeben könnten. Dabei ignorierte eine solche Sichtweise, dass die Rohstoffverfügbarkeit immer auch vom Preis abhängig ist. Steigt er, so lohnt es sich auch Vorkommen zu erschließen, die bislang zu teuer zu fördern waren. Zusätzlich besteht der Anreiz, neue Fördertechniken zu entwickeln, um bislang unzugängliche Vorkommen zu erschließen, wie gefracktes Erdgas in den USA und Ölsande in Kanada.

All diese Effekte sorgen dafür, dass die reine Verfügbarkeit nicht-erneuerbarer Rohstoffe kein unüberwindbares Hindernis für globales Wirtschaftswachstum darstellt. Das heißt aber auch, dass beispielsweise noch mindestens 50mal mehr fossile Energieträger in der Erdkruste liegen, als die Menschheit CO2 emittieren sollte – das ist das unbequeme an dieser Wahrheit. Wir werden weit vor einer Rohstoff- an die Treibhausgrenze stoßen. Gerade die neu entdeckten Öl- und Gasvorkommen in den USA werden das Wirtschaftswachstum weiter antreiben und die ökologischen Herausforderungen global eher verschärfen als mindern – und das obwohl die Treibhausgasbilanz der USA kurzfristig vom Schiefergas profitiert.

Die dritte unbequeme Wahrheit: Eine Effizienzrevolution allein reicht nicht

Große Hoffnungen zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch werden derzeit in die Steigerungen der Effizienz gesetzt. Innovationen in einer „Green Economy“ sollen dafür sorgen, dass dieselbe Wirtschaftsleistung mit weniger Naturverbrauch erbracht wird. Scheinbar befinden sich gerade hochentwickelte Industrieländer auf einem guten Weg. Doch in vielen Fällen ist die energie- und ressourcenintensive Produktion nur in andere Länder verlagert worden. Das Konzept des ökologischen ‚footprint‘ hat für viele Fälle – hier für Großbritannien und hier für weitere 40 Länder (PDF) – nachgewiesen, dass beispielsweise das CO2-Problem nur ausgelagert, aber nicht gelöst wurde.

Zudem führen Erfolge beim Energiesparen oft zu gegenläufigen Effekten. Weil Autos heute erheblich weniger Treibstoff verbrauchen als früher, werden auch längere Fahrten wieder attraktiv. Wird das durch Energiesparen freigewordene Geld für größere Fernreisen ausgegeben, kann der CO2-Effekt sogar negativ sein. Diese Rebound-Effekte sind bislang deutlich unterschätzt worden. Daraus ergibt sich eine weitere unbequeme Wahrheit: Eine Effizienzrevolution mag denkbar und wünschenswert sein, aber sie allein wird die ökologischen Herausforderungen nicht lösen.

Die vierte unbequeme Wahrheit: Nur absolute Begrenzungen des Umweltraumes helfen

Die relative Knappheit erschöpfbarer Rohstoffe, die auf freien Märkten gehandelt werden, kann sich durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage in den jeweiligen Preisen ausdrücken. Die vierte unbequeme Wahrheit liegt nun darin, dass auf die belasteten globalen Ökosysteme (wie die Atmosphäre, die Meere, oft auf die Regenwälder) dieser Mechanismus nicht wirkt. Für sie gibt es zunächst keinen Markt, auf sie kann jeder zugreifen, Preise als Knappheitssignale fallen aus. Auf die Atmosphäre als Senke für Treibhausgase wie auch auf andere Erdsystemprozesse treffen genau diese Eigenschaften zu. Bei solchen „Allmendegütern“ kommt es in der Regel immer zu einer Übernutzung.

Die heute akut belasteten Systeme, die Treibhausgase aufnehmen, wie zum Beispiel die Ozeane, sind fast durchgängig grenzüberschreitende, meist sogar globale Systeme. Um ihre Übernutzung in den Griff zu bekommen, sind internationale Abkommen notwendig. Diese müssten kontrollierbar und Verstöße sanktionierbar sein. Angesichts ihrer Eingriffstiefe würden solche Vereinbarungen eine erhebliche Übertragung von nationalen Souveränitätsrechten auf supranationale Institutionen erfordern.

Dafür stehen die Chancen jedoch bislang schlecht. Beispielsweise war und ist dem Kyoto-Protokoll zur Verringerung der Treibhausgasemissionen ein solcher Erfolg bisher nicht beschieden. Die Schlüsselfrage für eine Umweltpolitik zum effektiven Schutz für globale Allmendegüter wie der Atmosphäre lautet daher: Wie kann der Übergang zu supranationalen Institutionen wahrscheinlicher gemacht werden?

Die Antwort auf diese Frage liegt nicht in einer einzelnen, allumfassenden Lösung. Sie liegt vielmehr in einer Vielzahl von Ansätzen. Diskutiert werden dabei vor allem:

• die Entwicklung von Vermeidungstechnologien, um die Kosten einer Einigung und den Nutzen von abweichendem Verhalten zu senken, auch in Form globaler Technologieallianzen;
• die allmähliche Ausdehnung des geographischen Geltungsbereichs von durchsetzbaren Höchstwerten für Emissionen (auch als Caps bezeichnet) durch bilaterale Abkommen zwischen Staaten und Weltregionen (sogenannte ‚Vorreiterallianzen‘);
• die Bereitstellung von Finanzmitteln im Sinne von ‚Transferzahlungen‘ zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit eines Beitritts zu solchen ‚Vorreiterallianzen‘;
• die Intensivierung des politischen, ökonomischen und moralischen Druckes auf Staaten, die sich globalen Abkommen entziehen, gegebenenfalls unter Einschluss von Handelssanktionen wie sogenannten ‚Border-Tax-Adjustments‘.

Eine Sicherheit, dass mit solchen Maßnahmen tatsächlich der gewünschte Nutzen mit Bezug auf die Wahrscheinlichkeit eines internationalen Abkommens gestiftet wird, gibt es allerdings nicht, und ein empirischer Nachweis der Wirksamkeit solcher Ansätze fehlt ebenfalls.

Für die deutsche Politik stellt sich dabei die Frage, ob und wie die eigene Vorreiterrolle der EU bzw. Deutschlands tatsächlich einen Beitrag zur Bewältigung der globalen Umweltprobleme leisten kann. Denn so wertvoll die Bereitschaft einzelner, vor allem wirtschaftlich weit entwickelter Staaten zum Einnehmen einer Vorreiterrolle ist, so wichtig ist in einer Zeit begrenzter (finanzieller) Mittel auch die sorgfältige Abwägung, welche Maßnahmen einer solchen Vorreiterrolle tatsächlich den höchstmöglichen Ertrag im Sinne einer globalen Entkopplung bringen könnten. Zumal erhebliche Finanzmittel für Klimaanpassungsmaßnahmen – vor allem  für die besonders vom Klimawandel bedrohten Staaten und Regionen – erforderlich sein werden, wenn effektiver globaler Klimaschutz in den kommenden Jahren nicht gelingt.