Lindsey Parnell ist President und CEO des US-Teppichherstellers Interface für Europa, den Mittleren Osten, Afrika und Indien. Im Interview mit WiWo Green erklärt er, warum es sich lohnt, aus alten Fischernetzen Bodenbeläge zu machen und wie Unternehmen nachhaltiger werden. Zurück gehen die Umweltaktivitäten von Interface auf Ray Anderson, der das Unternehmen 1973 gründete und bis zu seinem Tod 2011 führte. Bis 2020 soll Interface klimaneutral produzieren.

WiWo Green: Der im vergangenen Jahr verstorbene Interface-Gründer Ray Anderson hat den Umbau von Interface zu einem nachhaltigen Unternehmen mit einer Besteigung des Mount Everest verglichen. Wo am Berg stehen Sie gerade?

Lindsey Parnell: Da hatte er Recht, die Umstellung geht nicht von heute auf morgen. Aber wir haben den Weg zu etwa 50 Prozent geschafft.

Was sind die Hauptmaßnahmen, mit denen Sie Interface nachhaltiger machen?

Lindsey Parnell: Der größte Teil unseres CO2-Fußabdrucks fällt im Bereich Material an. Das macht rund 70 Prozent aus. Unsere Fabriken und die Auslieferung sind für die restlichen 30 Prozent verantwortlich. Wir versuchen deshalb, den CO2-Fußabdruck unserer Materialien zu senken. Das schaffen wir, indem wir mehr und mehr recycelte Rohmaterialien und nachwachsende Rohstoffe verwenden.

Wie viel recyceltes Material nutzen Sie zurzeit?

Lindsey Parnell: Derzeit sind 44 Prozent unserer Rohstoffe biobasiert oder recycelt. Aber es ist schwierig, an recyceltes Nylongarn überhaupt ranzukommen. Dafür arbeiten wir mit Anbietern in Europa und Nordamerika zusammen. Vergangenes Jahr haben wir mit der Biosfera-Kollektion die ersten Teppichfliesen auf den Markt gebracht, deren Garn zu 100 Prozent aus recycelten Materialien besteht.

Teppiche aus Fischernetzen

Und woraus besteht das recycelte Garn für die Teppiche?

Lindsey Parnell: Das ist Nylon, also eine Kunststofffaser aus allen möglichen Quellen wie beispielsweise gebrauchten Fischernetzen von den Philippinen und anderen Regionen. Wir haben außerdem ein Programm ins Leben gerufen, im Rahmen dessen wir gebrauchte Teppichfliesen zurücknehmen. Diese werden in unserer in den Niederlanden stationierten ReEntry-Anlage in ihre einzelnen Bestandteile getrennt, die anschließend wieder direkt dem Herstellungsprozess zugeführt werden.

Warum verwenden Sie nicht 100 Prozent recyceltes Material?

Lindsey Parnell: Es gibt derzeit einfach nicht genügend Materialien zum recyceln. Es fehlt an der Logistik, das alte Material einzusammeln und zu sortieren. Das zu verbessern, daran arbeiten wir derzeit mit anderen Unternehmen.

Aber recycelten Kunststoff gibt es doch tonnenweise, zum Beispiel aus alten Plastikflaschen.

Lindsey Parnell: Unser Problem ist, dass andere Kunststoffe nicht so strapazierfähig wie Nylon sind. Wir können nicht einfach Cola-Flaschen zu Teppichfliesen machen. Das Problem haben wir auch mit den meisten verfügbaren Biokunststoffen. Sie sind einfach nicht so haltbar. Gute Erfahrungen machen wir aber gerade mit einem Nylon aus Rizinusöl. Im September haben wir mit Fotosfera die erste Teppichfliese auf den Markt gebracht, deren Garn immerhin zu 63 Prozent aus biobasiertem Material besteht.

Was ist die Preisdifferenz zwischen dem recycelten und einem aus Neuware hergestellten Garn?

Lindsey Parnell: Das recycelte Garn, das wir einkaufen, hat eine Spitzenqualität, deshalb verwenden wir es derzeit vor allem in unseren High-End-Produkten. So entstehen qualitativ hochwertige Teppichfliesen mit langer Haltbarkeit. Für die Kunden lohnt sich die höhere Anfangsinvestition auf lange Sicht.

“Um nachhaltiger zu werden, muss man das gesamte Unternehmen umkrempeln.”

Glauben Sie, Interface war mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie von 1994 ein Vorreiter?

Lindsey Parnell: Vor zehn Jahren, zum Beispiel, haben sich unsere Kunden kaum für Nachhaltigkeit interessiert. Interessanterweise hat die Diskussion um die Erderwärmung, die 2007 aufkam, das Thema Nachhaltigkeit zum Mainstream gemacht. Mit der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise ist das Thema ein bisschen in den Hintergrund gerückt, weil Unternehmen um ihr Überleben kämpfen und Rentabilität Priorität hat. Das wird sich wieder ändern.

Verraten Sie uns die beste Art für ein Unternehmen, das Thema Nachhaltigkeit in die Köpfe aller Mitarbeiter zu bringen.

Lindsey Parnell: Der erste Schritt war, den Nachhaltigkeitsgedanken bei unseren Mitarbeitern im Bereich der Herstellung zu verankern. Das führte zu einer Senkung des Energie- und Wasserverbrauchs. Dann waren unsere Designer an der Reihe. Sie sollten von Anfang an Produkte entwerfen, die weniger Rohmaterial benötigen. Und so ging das weiter durch das ganze Unternehmen, eine Abteilung nach der anderen. Aber das wichtigste ist: Unsere Vorgabe war von Anfang, dass Vorschläge, die zur Nachhaltigkeit beitragen, das Unternehmen gleichzeitig profitabler machen müssen. Und umgekehrt. Nur so kann ein Unternehmen mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie erfolgreich sein.

Was können andere Unternehmen von Interface lernen?

Lindsey Parnell: Es genügt nicht, nur einen kleinen Teil des Unternehmens nachhaltig zu machen. Man muss das Denken der Mitarbeiter verändern und das gesamte Unternehmen umkrempeln. Zudem muss ein Unternehmen Lebenszyklus-Analysen für jedes Produkt einführen, um zu wissen, welche Auswirkungen es auf die Umwelt hat. Dann lassen sich Erfolge messen, auch international.

Eine letzte Frage noch: Was tun Sie denn selbst, um nachhaltiger zu leben?

Lindsey Parnell: In meinem Job sitze ich leider häufiger im Flugzeug als am Schreibtisch im Büro. Das tut meiner eigenen Umweltbilanz nicht gut. Aber einige Dinge müssen persönlich besprochen werden. Und es ist besser, wenn ich zu meinem Team fliege als mein ganzes Team zu mir zu holen.

Hier noch ein TED-Talk von Ray Anderson: