Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung und ist Chefredakteur des Zukunftsletters. Zusammen mit Börsenguru Dirk Müller gibt er den Börsenbrief Cashkurs Trends heraus. Dies ist der zweite Teil seiner Kolumne, wie Fracking die Welt verändert. Den ersten Teil finden Sie hier.

Fracking, bei dem Millionen Liter Wasser und Chemikalien in den Boden gepresst werden, um Erdgas zu fördern, erlebt derzeit in den USA einen Boom. So erobert eine dreckige Technologie aus den 1980er Jahren gerade die Weltbühne und beschert uns womöglich auch demnächst noch eine neue Weltordnung. China, die Krisenherde am Golf und Russland – sie alle müssen ihre Energiepolitik überdenken.

Am Fracking-Hype können wir lernen, welche Konflikte und Paradoxien wir auf dem Weg in eine neue Energiezukunft in den nächsten Jahren zu bewältigen haben. Interdependente Ökologie und Ökonomie müssen als Wachstums- und Kreativitätschance gesehen werden. Wie wir aus dem Dilemma herauskommen, möchte ich anhand von vier Thesen veranschaulichen:

1. Unser globales Energieszenario wird immer komplizierter. Damit müssen wir leben. Allerdings müssen wissenschaftliche und legislative Bewertungsinstrumente schneller angepasst werden: Der Erdgas-Boom lockt mit Energieautonomie, dezentraler Energieversorgung und deutlich geschrumpften Strompreisen für Privathaushalte und Unternehmen.

Doch vorerst brauchen wir beim Fracking auch modernisierte Gesetzesrichtlinien (Umweltrecht vor Bergrecht, unterirdische Raumplanung etc.). Neuerdings werden die Erdgas- und Ölfördermengen, die in den USA durch Fracking sprudeln sollen, in Frage gestellt. Sollten die Prognosen jedoch einigermaßen stimmen, wäre es politisch nur schwer darstellbar, den möglichen Erdgas-Boom an der deutschen Volkswirtschaft vorbeiziehen zu lassen. Die ermüdenden Debatten über die Energiewende geraten immer mehr in den Hintergrund, weil eine Königslösung längst nicht mehr erkennbar ist und die Regierungskoalition das Thema durch interne Unschlüssigkeit zusätzlich zerbröselt. Mit dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Deutschen glauben, für die Energiewende werde ihnen unnötig Geld aus der Tasche gezogen.

2. Unsere Energiezukunft ist nicht ohne ethisch-ökologische Zumutbarkeitsüberlegungen planbar. Wir brauchen jedoch ein neues Denken über Ethik und Umwelt. Dabei müssen wir uns von naiv-ökologischer Bewahrungsrhetorik ebenso lösen wie von einem blinden Modernismus der technologischen Machbarkeit:

St. Floriansprinzip und eine „situative Natursensibilität“ erblühen, wenn es darum geht, Energieförderprojekte vor der eigenen Haustür zu blockieren. Über die ach so bedenklich ansteigenden Energiepreise wird trotzdem geschimpft, wenn die Stimmungsmedien von „Bild“ bis ZDF-„Frontal“ damit anfangen. Energie- und Rohstoffgewinnung war in der Menschheitsgeschichte schon immer Raubbau an der Natur, ein zerstörerischer Prozess. Für einen begrenzten Zeitraum brauchten wir uns im rohstoffarmen Deutschland die Hände nicht mehr schmutzig zu machen. Rohstoffe bauten die globalen Emporkömmlinge für uns ab, wir veredeln sie zu Premiumprodukten. Doch neuerdings werden in Deutschland wieder Bergwerke in Betrieb genommen – und nicht als Besucherbergwerke.

3. In diesem hochkomplexen Energieszenario darf es nicht mehr nach alter Regel die Guten und die Bösen geben. Es nutzt nichts, die Industrie von vornherein als Dreckschleudern und Greenwasher zu denunzieren und den eigenen CO2-Abdruck mit Passivhaus und Hybrid-Auto wie eine Monstranz vor sich her zu tragen.

Wenn wir Ökologie und Ökonomie neu denken wollen, dann müssen wir unsere Industrien (ebenso wie die Forschung) in die Verantwortung nehmen, bessere Bedingungen für die Erdgasförderung zu schaffen: Statt über „No Fracking“ sollten wir „New Fracking“ reden. Geschieht dies mittelfristig nicht, wird Erdgas in Deutschland kein Konjunkturbeschleuniger und auch keine Arbeitsplatzmaschine sein. Nur nebenbei: Einstweilen stellt selbst ein Energiekonzern wie ExxonMobil fest, dass die negativen Folgen der Förderung von Erdgas mit der Fracking-Technik noch nicht abschätzbar sind. Auch Energieriesen sind lernfähig.

4. Angesichts der enormen Herausforderung, die Klimawandel, Rohstoffknappheit und Energiewende darstellen, haben wir keine Zeit dafür, das wichtige Thema Fracking/Erdgas auf der Empörungswelle des medialen Populismus zu verheizen:

Wir brauchen eine ernsthafte Auseinandersetzung darüber, ob wir uns eine Technologie wie Fracking zumuten wollen. Es handelt sich beim Fracking fraglos um eine Zumutung. Aber Rohstoffsicherung und Energieerzeugung gehen häufig mit Zumutungen einher. Da braucht man nicht nur Kernkraftwerke zu denken, sondern auch an die Entstellung der Landschaft durch monotone Windräder. Wir können uns nicht weiter auf das Erregungs-Timing der Bürgerinitiativen verlassen. Wir müssen die Ängste der Menschen vor Ort respektieren – können aber nicht mehr beim trotzigen Nein (bzw: „nicht hier“) stehenbleiben.

Was daraus folgt:

Wo die Gewissheiten schwinden, müssen wir das Prinzip Verantwortung stärken. Vollständige Gewissheit darüber, wie wir am schmerzfreisten den Übergang in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien hinbekommen, werden wir nie erlangen. Wir brauchen deshalb schnellstens eine neue gesellschaftliche Diskussion darüber, welche Zumutungen für uns akzeptabel sind.

Dabei sollten wir damit aufhören, Großunternehmen zu denunzieren, die sich um Förderlizenzen zur Erdgasförderung bemühen. Wir müssen sie aber in die Verantwortung nehmen, dass sie eine fragliche Technologie wie Fracking nicht nur kapitalisieren, sondern vor allem besser machen. Wir sind aus dem grün-rosaroten Traum einer über Nacht industriebefreiten, postfossilen Welt erwacht und müssen erkennen, dass die Energiewende ein anspruchsvolles Zukunftsprojekt ist, an dem alle gesellschaftlichen Gruppen (Industrie, Universitäten, Politik und Bürgersinn) mitentscheiden müssen.