Auf ihrem letzten Bundesparteitag in Hannover beschlossen Bündnis 90 / Die Grünen den Kohleausstieg bis 2030. Auch im Programm der Partei für die Bundestagswahl am 22. September könnte der Kohleausstieg als eines der Regierungsziele festgeschrieben werden. Wie der Ausstieg funktionieren soll, erklärt Astrid Schneider, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Energie der Grünen im Interview mit WiWo Green.

Frau Schneider, ganz Deutschland streitet über steigende Strompreise. Die Grünen wollen mit den Kohlekraftwerken die billigsten Energielieferanten bis 2030 vom Netz nehmen. Wie vermitteln Sie das den Wählern?

Schneider: Es stimmt einfach nicht, dass Fossile günstiger sind als Erneuerbare. Kürzlich hat eine Studie von Greenpeace gezeigt, dass die Fossilen mit acht bis zehn Cent pro Kilowattstunde über unterschiedliche Kanäle subventioniert werden. Zum Beispiel werden auf den Rohstoff-Abbau keine Gebühren erhoben. Aber wertvolle Kulturlandschaften wie die Lausitz werden zerstört.

Aber Kohlestrom kostet derzeit zwischen drei und sechs Cent die Kilowattstunde. Noch können Wind und Solar in Deutschland mit diesen Preisen nicht mithalten. Also werden die Strompreise doch weiter steigen?

Schneider: Wie gesagt, der Strompreis für Kohle spiegelt nicht die realen Kosten. Fatih Birol, Chief Economist der Internationalen Energieagentur, will mit den weltweiten Subventionen für fossile Energien in Höhe von 523 Milliarden Dollar pro Jahr Schluss machen. Sie sind rund sechs mal so hoch wie für die Erneuerbaren und behindern deren Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommt: Das CO2 ist derzeit viel zu billig. Wenn man also das Ganze betrachtet, dann ist Kohleenergie nicht mehr günstiger als Windstrom. Auch private Solaranlagen können schon mithalten.

“Die Menschen wollen in ihrer Umgebung keine CO2-Lager.”

Stichwort CO2: Man könnte ja Kohlekraftwerke auch sauber machen. Zum Beispiel mit der sogenannten Carbon-Capture-Technik, die das Klimagas in unterirdische Kavernen presst.

Schneider: Weder ist die Technik ausgreift, noch ist sie wirtschaftlich. Außerdem wollen die Menschen in ihrer Umgebung keine CO2-Lager haben, wenn die Risiken nicht bekannt sind.

2012 sind zwei neue Kohlemeiler ans Netz gegangen. Zwölf befinden sich im Bau oder in der sehr konkreten Planung. Wenn 2030 Schluss sein soll mit der Kohle, sind mehrere Milliarden Euro an Investitionen verloren. Vernichten Sie nicht Sachwerte mit ihrem Ausstiegs-Vorschlag?

Schneider: Unser Ziel ist ja gerade, dass die Energieversorger wissen: Ab heute gibt es keine Investitionssicherheit für neu geplante oder gebaute Kraftwerke. Wenn heute noch ein Energieversorger ein Kohlekraftwerk baut, muss er im Hinterkopf haben, dass es keinen Parteienkonsens mehr gibt, dass sich solche Investitionen noch abschreiben lassen. Er geht also ein Risiko ein.

Aber was passiert mit den Kraftwerken, die im Bau und in der Planung sind?

Schneider: Bei Kohlekraftwerken, die in Planung sind, würden wir dringlich dazu raten, diese nicht zu bauen. Die Kraftwerke werden das Ende ihrer Laufzeit nicht erleben. Hinzu kommt, dass die deutschen Steinkohlekraftwerke eine spezielle hochkonzentrierte Kohle brauchen, deren Vorräte auch nicht unerschöpflich sind.

Gebaut werden die Kraftwerke trotzdem.

Schneider: Aber auch schon jetzt ist ein erhebliches Risiko mit Kohlekraftwerken verbunden. Wenn der CO2-Preis signifikant steigt, dann lohnen sie sich nicht mehr. Kohlekraftwerke sind damit heute schon Risikoinvestitionen. Die meisten neu geplanten Kohlekraftwerke von den 40, die einmal im Gespräch waren, wurden in den letzten zwei Jahren storniert.

“Kohlekraftwerke sind nicht mehr rentabel zu betreiben.”

Der Atomausstieg hat den großen Energieversorgern RWE, E.On und EnBW die Bilanzen ordentlich verhagelt. Tausende Arbeitsplätze werden gestrichen. Wollen Sie mit dem Kohleausstieg die Pleite der Großen provozieren? Immerhin erzeugt RWE knapp 50 Prozent seines Stroms mit Kohle.

Schneider: Auch RWE hat die Zeichen der Zeit erkannt und will zum Beispiel in das Geschäft mit intelligenten Stromnetzen einsteigen. Auch die Erneuerbaren bauen sie jetzt stärker aus. Hinzu kommt: Die großen Versorger haben in den vergangenen Jahren genug verdient, um jetzt einen Energiewandel hin zu Erneuerbaren vertragen und mittragen zu können.

Atom- und Kohleausstieg zusammengenommen hätten dann zwischen 2010 und 2030 den großen Versorgern beinahe ihre gesamte Geschäftsgrundlage geraubt. Das ist ungefähr so, als dürfte Daimler ab morgen nur noch Fahrräder verkaufen.

Schneider: Es geht aber nicht um Fahrräder, sondern um Milliardeninvestitionen. Es geht uns gerade darum, diese Investitionen in die richtige Richtung zu lenken, damit sie zukunftssicher sind. Wenn wir an die Regierung kommen, wissen die Versorger: Im Jahr 2013 neu geplante Kohlekraftwerke werden nicht mehr 40 Jahre laufen. Hinzu kommt auch noch, dass mit einem hohen Anteil von Erneuerbaren im Netz, die Kohlekraftwerke nicht mehr rentabel zu betreiben sind. Die Gründe sind die geringen Jahreslaufzeiten und die fehlende Flexibilität der Kraftwerke. Diese Energieform hat also keine Zukunft.

Kohlestrom macht 44 Prozent unserer Versorgung aus. Wer soll denn die Energie liefern, wenn die Kraftwerke bis 2030 vom Netz gehen?

Schneider: Da müssen wir differenzieren. Einmal geht es darum, welche Energiequellen den Strom liefern. Dann geht es darum, welche Energietechniken die Stromversorgung sichern. Den größten Anteil Strom werden künftig Wind und Sonne liefern, sie werden die Primärenergiequellen des 21. Jahrhunderts.

Bleibt die Frage, wie wir die Versorgung sichern, wenn Sonne und Wind nicht da sind?

Schneider: Mit einem intelligenten Energiesystem.

Und wie soll das aussehen?

Schneider: Es gibt mehrere Antworten. Zum Einen haben wir im kommenden Jahrzehnt noch ein Energieeffizienz-Potenzial von 10 bis 15 Prozent, das reduziert den Leistungsbedarf. Dann können wir auch Lasten verschieben. Wenn es also viel Wind- und Sonnenstrom gibt, werden stromintensive Prozesse in der Industrie und den Haushalten gestartet. Das könnte den Bedarf an gesicherter Versorgung noch einmal zwischen 10 und 15 Gigawatt drücken. Im Sommer ist das immerhin knapp ein Viertel des gesamten Verbrauchs. Dann gibt es natürlich noch Wasserkraftwerke, die verlässlich Strom liefern.

“Wir haben schon 2028 nur Erneuerbare am Netz.”

Strom speichern wollen Sie gar nicht?

Schneider: Moment, heute schon liefern Blockheizkraftwerke mit Biogas rund sechs Prozent des deutschen Strombedarfes. Dann brauchen wir noch weitere Gaskraftwerke und kleinere Gasturbinen, die teilweise auch mit Biogas und regenerativ erzeugtem Wasserstoff und Methan laufen können. Erst dann kommen die Stromspeicher ins Spiel. Es existieren Pumpspeicher in Skandinavien oder in der Schweiz. Da ist viel Potenzial da. Dann kommen noch Batterien und andere Speicherformen wie unterirdische Gasspeicher hinzu.

Wie viel Erneuerbare brauchen wir denn 2030, um die Kohle zu ersetzen?

Schneider: Wenn wir zum Beispiel eine 100 Prozent Versorgung im Strom- und Wärmesektor wollen, dann brauchen wir laut einer Studie des Fraunhofer-Institutes für Solare Energiesysteme (ISE) rund 250 Gigawatt Wind- und 250 Gigawatt Solarleistung.

Das bedeutet knapp eine Verachtfachung der Leistung im Vergleich zu heute. In der Theorie klingt das schön und es gibt auch einige Studien, die solch ein System für realisierbar halten. Allerdings erst 2050. Das würde auch Kosten sparen, weil die Technik dann günstiger ist. Warum wollen Sie auf 2030 vorziehen?

Schneider: Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass der Ausbau der Erneuerbaren wesentlich schneller geht als gedacht. Wenn es so weiter geht wie bisher, haben wir schon 2028 nur noch Erneuerbare am Netz. Man muss also eher bremsen, wenn man 2030 weniger will.

Genau das versucht die jetzige Regierung mit ihren Plänen auch.

Schneider: Aber dass wir den Kohleausstieg bis 2030 fordern, ist ja nicht aus einer Laune heraus entstanden. Der Klimawandel drängt. Je schneller wir die Kohle nicht mehr brauchen, desto besser. Und: Die Umstellung der Stromversorgung geht vergleichweise einfach und schnell. Wenn wir über die Wärmeversorgung oder den Verkehr reden, ist das komplizierter. Wenn wir bis 2030 die Stromwende geschafft haben, hat das auch eine Vorbildfunktion für andere Branchen. Strom ist ein Pioniersektor, der zeigen kann, wie es geht.

Noch mal zu den Speichern. Bisher sind die entsprechenden Technologien wie Batterien sehr teuer. Jede Kilowattstunde, die in einem Speicher gelagert wird, kostet extra Geld. Wie teuer wird denn Ihr Gesamtsystem 2030?

Schneider: Verschiedene Studien zeigen, dass wir nur rund fünf Prozent unseres Bedarfs wirklich speichern müssen. Für Zeiten, wenn es gar keinen Wind gibt und keine Sonne scheint. Wenn wir also fünf Prozent auf einhundert Prozent des Stroms umlegen, ist der Aufschlag auf den Strompreis ohne Speicher insgesamt gering – weniger als drei Prozent.

Der Preis wird also nicht oder nur geringfügig steigen? Oder ist es doch eher so, dass wenn wir 100 Prozent Erneuerbare wollen, wir auch bereit sein müssen, einen Aufpreis zu bezahlen?

Schneider: Die Investitionskosten sind bei Erneuerbaren am Anfang höher als bei Fossilen, die Betriebskosten aber minimal. Gut gelegene Windanlagen – rund die Hälfte aller derzeit betriebenen – ist jetzt schon am Markt konkurrenzfähig und Solaranlagen sind in Eigennutzung günstiger als Strom aus der Steckdose. Wenn die Investitionen einmal abgeschrieben sind – also nach zehn bis zwanzig Jahren – wird die gesamte Stromversorgung sehr viel billiger. Klar, jetzt zahlen wir etwas mehr. In Zukunft aber weniger. Der Umstieg lohnt sich also nicht nur für das Klima, sondern auch für die Verbraucher. Auch das muss man ihnen einmal sagen.