Von Konrad Götz, Mobilitätsforscher am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main.

Rätselhafte Zyklen sind das, die man als Vielfahrer der Deutschen Bahn erlebt. Mal geht eine ganze Weile alles gut. Pünktliche Ankunft. Alle Verbindungen okay. Die DB-App sagt die Wahrheit. Ausgeruhte Anreise. Das Meeting kann beginnen. Mit einer Stunde Verspätung kommt die abgehetzte Autofahrerin an und erklärt entnervt: Megastau auf der A40. Ich grinse und sage: Du bist der Stau! Der fällt nicht vom Himmel! Zeit, mal wieder die Bahn hochleben zu lassen!

Dann die Rückfahrt. Alles geht schief. In dem 90-Minuten verspäteten Zug sitzen Passagiere, die bereits aus einem anderen Zug wegen Lokschadens umgestiegen sind. Und dann erwischt es auch noch diese Lok. Sie schleppt sich noch bis Limburg, dann geht das Licht aus und die Notbeleuchtung an.

Menschen, die zu einem Interkontinentalflug nach Frankfurt müssen, telefonieren hektisch mit ihrer Airline. Im Schneeregen-Nebel tauchen Taxis auf. Entscheidungsdruck: Im warmen Zug bleiben oder draußen auf ein Taxi hoffen? Der Zugführer entschuldigt sich laufend per Lautsprecherdurchsage und das sogar mehrsprachig – anstatt zu sagen, ob der Zug Richtung Frankfurt, der genau jetzt am Nebengleis hält, nicht von den eiligen Passagieren genommen werden könnte, damit die noch ihre Flieger erreichen.

Jetzt ist der Moment gekommen, in dem die Bahnhasser ihr höhnisches Grinsen aufsetzen. Man nickt sich zu. Alles wie erwartet. Vorurteil bestätigt.

Am nächsten Tag erzähle ich alles brühwarm meinem Kollegen. Er heißt Georg und ich glaube, er liebt die Bahn.

- Warum klappt das nicht bei der Bahn, blaffe ich, als sei er höchst persönlich Schuld an dem Desaster der letzten Nacht. Warum schaffen die das mit den Hochgeschwindigkeitszügen in Japan im Minutentakt? Und seit Kurzem sogar in China?

- Ja, sagt er, das ist die anarchistische Deutsche Bahn! Und das ist auch gut so!

- Ich: Wieso das denn?

- Er: In Japan musst Du vorher das Gepäck einchecken. Du musst einen Platz reservieren. In China ist der Bahnhof exakt so organisiert wie ein Flugterminal. Selbst im französischen TGV geht nichts ohne Reservierung.

- Ich: Na und?

- Er: Mit der deutschen Bahn kannst Du total spontan reisen. Du kannst Dich in der letzten Sekunde entscheiden. Und Du kannst in dieser letzten Sekunde auch noch Deinen Überseekoffer rein hieven. Volle Flexibilität, volle Spontaneität.

- Hm, brumme ich. Und warum müssen wir uns trotzdem immer ärgern?

- Er: Wenn Du ein solches für Spontanentscheider und Anarchos geeignetes System bereit hältst und dann auch noch einen Stundentakt mit koordinierten Netzknoten garantierst, ist das störanfällig. Die Bahn wird – durch dieses Vorhalten eines zugleich getakteten und äußerst flexiblen Systems – dann selbst ein wenig anarchistisch.

Als ich noch darüber nachdenke, ob er anarchisch meint oder anarchistisch, setzt er schon nach:

- Du kennst das ja. Alle wollen mit. Alle dürfen rein.

- Nur manchmal, wende ich ein, locken sie dich bei totaler Überfüllung mit 25 Euro Gutscheinen wieder raus aus dem Zug. Oder sie lassen einfach ein paar Fahrgäste durch die Bundespolizei raus schmeißen – hab ich auch schon erlebt.

- Er: Jede gute Anarchie kommt auch mal an ihre Systemgrenzen. Dann sind auch die Fahrgäste gefordert: Gelassen bleiben und mithelfen, die Situation zu lösen. Das ist der gelegentliche Preis für die Vorzüge, die man ansonsten genießt. Wer ungeplant und spontan zu einer absoluten Spitzenzeit fährt, muss schon mit gewissen Komforteinbußen rechnen.

- Ich knurre: Ist mir bekannt. Die Oma stoppt nach dem Einsteigen beim ersten Sitz, nestelt erst mal die Brille raus und blockiert die ganze Schlange bis zum Bahnsteig. Die Großfamilie ist zum Abschied komplett mit Zwillingskinderwagen eingestiegen und muss sich noch je dreimal küssen. Deren Koffer und Tüten mit den Geschenken für die Verwandtschaft stehen noch draußen, da kommt die Durchsage: „Türen schließen automatisch!“ Panik. Im Laufschritt kommt dann noch jemand mit Kontrabass auf dem Rücken angerannt.

- Georg: Und? Was passiert jetzt? Der Mann mit der roten Mütze wartet geduldig. Folge: Verspätung und Chaos im ganzen Netz.

- Okay, sage ich, aber gibt es zwischen totaler Planwirtschaft und Anarchie nicht einen Mittelweg? Die Bahn weiß doch seit Jahrzehnten, wann diese Spitzenzeiten sind. An langen Wochenenden. Zu Ferienbeginn und zum Ferienende. Da könnten sie doch vorsorglich ein paar mehr Züge rollen lassen.

- Georg (lakonisch): Paar mehr Züge gibt’s nicht. Das ist das Erbe der Börsengang-Ära. Am Material sparen, zu wenig ins Netz und ins rollende Material investieren. Die Bahn zum Flugzeug machen. Am besten ohne Halt von Hamburg nach München durchrauschen.

- Aha, denke ich laut. Die Bahn zum Flugzeug machen. Alles buchen, alles planen. Nix mehr spontan! Schrecklich. Den Anarchismus abschaffen, das wollten die damals.

- Bingo, sagt Georg, jetzt hast Du’s kapiert.