Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Dies ist der zweite Teil seiner Kolumne über die anstehende Bundestagswahl. Den ersten Teil können Sie hier lesen.

Um weiterem wahltaktischen Populismus vorzubauen, der in den kommenden Wochen über uns ausgegossen wird, hier sechs öko- und energiepolitische Grundpostulate, über die wir eigentlich nicht mehr diskutieren müssen, oder?!

Die Postulate sollten, so hoffe ich, von allen politischen Farben, die in den kommenden Wochen durch die Bürgerhäuser und über die Marktplatztribünen gereicht werden, als konsensfähig verstanden werden. Zur besseren Erkennbarkeit für die „politischen Akteure“ haben wir jede Grundregel einer Schlüsselzielgruppe zugeordnet:

1. Bevorzugt für empörungsbereite linksliberale Bildungselite: Niemand möchte zukünftigen Generationen eine total ruinierte Umwelt hinterlassen.

2. Bevorzugt für Populisten aller politischen Couleur, die in den kommenden Wochen auf die preissensible untere Mittelschicht abzielen: Niemand von uns will, das irgendwann in diesem Land die Lichter ausgehen.

3. Bevorzugt für Preispopulisten, die sich im gesamten Parteienspektrum wiederfinden, und für Wirtschaftsliberale aka Business-Flüsterer aka Consultants: In unsicheren Zeiten und auf volatilen Märkten möchte wirklich niemand – weder Privathaushalte noch Unternehmen – immer mehr Geld für Energie bezahlen. In dem Moment, wo die Debatte um die Erneuerbaren Energien über den populistischen Leisten des Strompreises geschlagen wird, wird aus einer Zukunftsdebatte dumpfe Klientelpolitik: Wer gibt schon gerne zuviel Geld für Strom aus, etwas, das uns bis vor kurzem wie selbstverständlich zur Verfügung stand.

4. Bevorzugt für Fundamentalökologen, die es bekanntlich links und rechts gibt: Niemand möchte aus freien Stücken gewachsene Landschaften zerstören. In der Menschheitsgeschichte ist die Verfügbarmachung von Ressourcen und Energie bislang aber immer mit brutalen Eingriffen in ökologische Systeme verbunden gewesen. Auch Windfarmen brauchen in die Landschaft gestanzte Infrastrukturen und Technologien. Ganz abgesehen von dem zweifelhaften ästhetischen Wert der Riesenrotoren.

5. Bevorzugt für Linksaußen und Verschwörungstheoretiker von Links und Rechts: Niemand stellt Energieunternehmen unbegründet Abbaugebiet und Lizenzen zur Förderung von Ressourcen zur Verfügung.

6. Last, but not least: Wer immer noch vertritt, dass der menschengemachte Klimawandel nicht stattfindet, muss sich als reaktionärer Esoteriker einordnen lassen, der in einem Weltbild lebt, das vor dem 15. Jahrhundert und der Renaissance Gültigkeit hatte.

Aber jetzt noch einmal ernsthaft.

Mit einem robusten Verständnis von Politik und Umweltpolitik (nennen wir es meinetwegen eine realpolitische Zukunftsökologie) sollten wir uns wenigstens darauf verständigen können, dass wir Fracking und andere im Entstehen begriffene Technologien als nützlichen Zulieferer für die Brückentechnologie Erdgas adressieren.

Wenn dann der politpopulistische Veitstanz nach dem 22. September zu Ende ist, sollten wir Übereinkunft darüber erzielen können, dass Erdgas tatsächlich der konsequenten Förderung der Erneuerbaren nicht in die Quere kommt. Tatsächlich gibt es ja Szenarien, die ich an dieser Stelle bereits erläutert habe, die einen Konflikt zwischen Erneuerbaren und Schiefergas von vornherein ausschließen.

George Mitchell, der kürzlich verstorbene Erfinder der Fracking-Technologie, war übrigens getrieben von der Idee, naturverträgliche Formen der Energieversorgung zu entwickeln – ein Pionier des Nachhaltigkeitsdenkens – kein Nachhaltigkeits-Intelligenzler, der schnell den Spaß an seinem neuen Spielzeug verliert.

Die Risiken, die eine Technologie wie Fracking aufwirft, sind mittlerweile bis in die Abendnachrichten hinein kommuniziert worden – viele Befürchtungen sind jedoch längst noch nicht belegt. Und es gibt auch in Europa eine Kritik an der Fracking-Kritik und Anzeichen dafür, dass die Fracking-Moratorium in einigen Ländern aufgehoben werden.

Die energiepolitische Weltlage verändert sich weiter. Und sie gehorcht wieder einmal nicht den Systemen der Nachhaltigkeits-Avantgarde (die ich an dieser Stelle beschrieben habe). Wir müssen sie aber schnellstens verstehen, um unsere Zukunft planbar zu erhalten.