Von Dr. Bradnee Chambers. Der Autor leitet als Exekutivsekretär das “Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten” (UNEP) der Vereinten Nationen in Bonn.

Das größte Raubtier der Erde verliert den Boden unter den Füßen. Einst beherrschte es die Weite und Einsamkeit der Arktis, die scheinbar unberührt von menschlicher Präsenz blieb. Heute ist der Eisbär ein Symbol der vielen Arten, deren Überleben durch die Auswirkungen von Klimawandel und Umweltverschmutzung bedroht ist.

Das Eisbärbaby Knut im Berliner Zoo eroberte die Herzen des deutschen Publikums im Sturm und gewann Fans auf der ganzen Welt. Der Eisbär mag vielleicht niedlich und kuschelig aussehen. Somit dient er als perfektes Symbol für Coco-Cola und viele andere Unternehmen oder Organisationen, die seinen legendären Erkennungswert nutzen, um ihre Sache oder ihr Produkt zu bewerben.

In Wirklichkeit ist er aber ein wildes Raubtier, das den größten Teil des Jahres auf Eisschollen jagt und dabei Entfernungen von bis zu tausend Kilometern zurücklegt.

Seit langem gibt es konzertierte internationale Bemühungen, um den Eisbär zu schützen. Anläßlich der Konferenz des Eisbär-Abkommens in Moskau Anfang Dezember feierten die fünf Staaten, in denen es Eisbären gibt (Grönland, Kanada, Norwegen, die Russische Föderation, die USA) ihre vierzigjährige Zusammenarbeit.

Klimawandel ist größte Gefahr

Man einigte sich auf eine Erklärung, derzufolge Monitoring und Risikobewertung verstärkt werden. Die Länder verpflichten sich zudem, bei der Entwicklung eines Aktionsplans für den Eisbären bis zu ihrer nächsten Konferenz in zwei Jahren zusammenzuarbeiten.

Alles deutet derzeit darauf hin, dass die einzelnen Schutzmaßnahmen, die die fünf Länder in den vergangenen Jahren angestoßen haben, erste Erfolge zeigten. Die meisten Populationen waren mit insgesamt 20.000 bis 25.000 Tiere in freier Wildbahn zumindest stabil. Aber alle diese hart erkämpfte Fortschritte könnten zunichte werden, wenn das Eis in der Arktis weiter schmilzt.

Schon im Jahr 2009 haben die fünf Eisbären-Länder erkannt, dass der Klimawandel als größte Bedrohung angegangen werden muss. Nur wie, wissen sie bisher nicht. Ein internationales Klimaabkommen ist nicht in Sicht.

Das Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (Bonner Konvention, CMS ) und sein Wissenschaftsrat haben die Auswirkungen des Klimawandels auf Tierwanderungen jahrelang untersucht. 2010 wurde die Resolution “Wandernde Tierarten im Licht des Klimawandels” einstimmig verabschiedet. Sie ermittelt den Eisbär als eine der Arten, die am stärksten vom Klimawandel bedroht sind.

Beim Internationalen Forum zum Schutz von Eisbären im Dezember mit prominenter Teilnahme des russischen Umweltministers Sergej Donskoi und seiner kanadischen Amtskollegin Leona Aglukkaq wurden die Delegierten mit einer beunruhigenden Prognose konfrontiert: Die Eisbär-Population könnte bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel sinken.

Der Klimawandel führt zu einer dünneren Eisdecke und dem Auftauen des Permafrostbodens. Allerdings ist es nicht der einzige Faktor, der sich negativ auf Eisbären auswirkt. Verstärkte Öl- und Gasförderung sowie Ausbeutung dieser Vorkommen haben ihren Preis. Als sogenannter Spitzenprädator sind Eisbären auch anfällig für Umweltgifte. Autopsien haben gefährliche Konzentrationen von Quecksilber und ähnlichen Giften gezeigt, die sogar neugeborene Junge gefährden, da sie die Stoffe mit der Muttermilch aufnehmen.

Die Regierungen müssen jetzt also genau abwägen, wie sie eine empfindliche Umwelt schützen können und dabei doch dringend benötigte natürliche Ressourcen nutzen, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand erzeugen. Klar ist: Wenn wir das Überleben des Eisbären für künfige Generationen sicherstellen wollen, müssen die Staaten jetzt handeln.