Von Dr. Bradnee Chambers. Der Autor leitet als Exekutivsekretär das “Sekretariat des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten” (UNEP) der Vereinten Nationen in Bonn. Der Umweltdiplomat beschreibt, warum wir Haie besser schützen müssen und warum wir die Fische mehr gefährden als sie uns.

Die Insel La Réunion im Indischen Ozean scheint seinen 800.000 Einwohnern einer tropische Idylle zu bieten. Der Schein trügt jedoch. Der florierende Tourismus auf dem Eiland zieht jedes Jahr 400.000 Besucher an.

Seit 2011 aber haben fünf tödliche Begegnungen mit Haien das tropische Paradies in Unruhe versetzt. Zuletzt wurde eine französische Jugendliche von einem Bullenhai getötet. Der Präfekt hat nun das Schwimmen und Surfen in einer Reihe von seichteren Lagunen untersagt und die Tötung von 90 Bullen-und Tigerhaien genehmigt.

Tatort Hawaii: Die Inseln verfügen über eine Multi-Milliarden-Dollar-Tourismusindustrie, und Hai-Angriffe sind durchaus bekannt. Die Liste der Opfer dort umfasst eine deutsche Touristin, die im August 2013 starb sowie die amerikanische Profisurferin Bethany Hamilton, die 2003 ihren rechten Arm bei einem Angriff durch einen fünf Meter langen Tigerhai verlor.

Derzeit fragen sich viele in den Tourismusregionen, ob sie die Haie töten sollten, bevor sie Menschen angreifen?

Dies könnte uns einen Rundum-Sorglos-Urlaub am Strand verschaffen, und führende Hoteliers in Honolulu, der Gold Coast und Saint-Denis könnten einen kollektiven Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Aber wenn es um Menschen und Haie geht, wer ist eigentlich Jäger und wer Beute?

Schauen wir uns die Fakten an. Diese tragischen – aber seltenen – Vorfälle haben vor kurzem die Schlagzeilen dominiert. Unfälle passieren jedoch, wenn Menschen das Territorium gefährlicher Tiere betreten.

Nur drei Haiarten sind wirklich gefährlich

Um die jährlich zehn bis fünfzehn tödlichen Hai-Angriffe weltweit in Relation zu setzen: Im gleichen Zeitraum sterben 50 Menschen an Quallenbissen, und auf die von Insekten übertragenen Krankheiten entfallen 800.000 Todesfälle. Australien ermahnt die Menschen, das Meer als eine feindliche Umgebung ähnlich wie das Outback zu betrachten und hat daher Verhaltensregeln erstellt.

Es gibt mehr als tausend Arten von Haien, von denen drei – der Weiße Hai, der Tigerhai und der Bullenhai – die allermeisten Angriffe auf Menschen verüben.

Bullenhaie sind dafür bekannt, ihr Territorium in häufig seichten, trüben Gewässern aggressiv zu verteidigen. Die imposant aussehenden Walhaie und Riesenhaie sind sanfte, Plankton fressende Riesen. Die Rote Liste der Weltnaturschutzunion stuft 17 Prozent der Haiarten als gefährdet ein. Dies führt zu der eher überraschenden Tatsache, daß bei den meisten Zusammentreffen von Mensch und Hai der Hai höchstwahrscheinlich schlechter wegkommt.

Zu Jahresbeginn berichteten die Medien, dass sowohl die gezielte Befischung als auch der Beifang von Haien im Jahr 100 Millionen Tiere überschreitet, von denen viele als Haifischflossensuppe enden. Diese wird als Delikatesse auf Hochzeitsfeiern und zu anderen besonderen Anlässen in ganz Asien serviert.

Berichte über die Entsorgung von verstümmelten Körpern von Haien im Meer, wo die Fische einen langsamen Tod sterben, riefen einen öffentlichen Aufschrei der Empörung hervor. Viele Regierungen und die EU reagierten mit einem “Finning”-Verbot und der Forderung, Haie mit ihren Flossen anzulanden.

In vielen Regionen hat die Überfischung die natürliche Beute der Haie reduziert und diese gezwungen, sich zur Nahrungssuche in Ufernähe zu begeben, was wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung mit Menschen erhöht. Nichtsdestotrotz gehen Surfer ins Wasser, ungeachtet von  Signalflaggen und „Baden verboten“ Schildern.

Die Haijagd gefährdet ganze Ökosysteme

Rufe, die grausamen Menschenfresser in ihrem eigenen Revier zu jagen und zur Strecke zu bringen, haben eine Debatte mit Artenschützern und eine Flut von Unterlassungsklagen, Beschwerden und gerichtlichen Überprüfungen ausgelöst.

Die Keulung der Haie könnte jetzt zu unerwünschten Folgen für die Gesundheit der Ökosysteme führen: Ohne den Raubfisch würden sich Quallen und andere Arten am unteren Ende des Nahrungsnetzes vermehren. Denn Haie ziehen seit mehr als 400 Millionen Jahren durch die Ozeane.

Haie helfen außerdem, gesunde Populationen von Arten in ihrem Lebensraum zu erhalten, indem sie schwache und kranke Tiere fressen. Abgesehen von ihrer ökologischen Funktion können Haie enormen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Jeder Riffhai kann in seinem Leben fast 2 Millionen Dollar zur Wirtschaft in Palau beitragen, wo Haitauchen jährlich 18 Millionen Dollar, was 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Pazifik-Insel entspricht, in die Kassen spült.

Auf der jüngsten Konferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens, das den Handel mit bedrohten Arten reguliert, haben sich die Regierungen auf den Schutz mehrerer Hai-Arten verständigt. Ihre Befischung darf ihr Überleben nicht gefährden. Vorausgegangen waren die Beschlüsse des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten der Bonner Konvention, weitere Arten von Haien und Rochen zwecks besseren Schutz in seine Anhänge aufzunehmen.

Die Bonner Konvention hat auch ein globales Hai-Abkommen abgeschlossen, das bereits von 26 Staaten unterzeichnet wurde. Dieses Abkommen hat sich zum Ziel gesetzt, Strategien zu entwickeln, die das Überleben von Hai-Populationen zum Wohl von Tieren und Menschen gewährleisten, deren Umwelt und Lebensgrundlage – zuweilen ohne ihr Wissen – von der Anwesenheit des viel geschmähten Fischs abhängt.

Bleibt nur zu hoffen, dass noch mehr Staaten beitreten, um die Haie effektiv zu schützen. Denn derzeit sind nicht die Tiere die größte Gefahr für den Menschen, sondern der Mensch für sie.